[Buch] Chuck Palahniuk – Das letzte Protokoll Juli 15, 2008
Posted by grasimar in Belletristik.trackback
Autor: Chuck Palahniuk
Verlag: Manhattan
ISBN: 3-442-54593-5
283 Seiten – 19,90 EUR
Eines vorweg: Chuck Palahniuks Romane sind keine leichte Kost.
Sie sind bitterböse Zerrbilder des Lebens, die mehr tun, als nur an der Oberfläche zu kratzen; sie schaben, sie höhlen aus, sie stecken den Finger in ein Loch, das sich oft als Abgrund auftut, ein Abgrund voller menschlicher Schwäche und zerstörter Träume. Doch Palahniuk fordert auch, denn nur wer ganz tief in die Welt des amerikanischen Autors eintaucht und sich auf seine schrägen Charaktere einlässt, wird auch die ganze Bandbreite seiner Werke ergründen.
Seit dem Buch/Kinoerfolg von Fight Club ist Chuck Palahniuk zum Kultautor verkommen, und obwohl der Verdacht eines One-Hit-Wonder bei solchen „Kultromanen“ nahe liegt, so konnte Palahniuk die Zweifler überzeugen, denn auch seine Post-Fight-Club Romane, wie Der Simulant oder Flug 2039, landeten ganz oben auf den Bestsellerlisten.
Nun steht auch sein neuer Roman Das letzte Protokoll in den Regalen der Buchhändler; ein 284-seitiger Trip, der die Leser auf eine kleine amerikanische Inselgemeinde namens Waytansea führt.
Dort lebt Misty. Sie ist keine geborene Insulanerin, denn erst durch die Heirat mit Peter Wilmot, hat es sie auf die kleine, ruhige Insel verschlagen. Eigentlich wollte Misty Künstlerin werden. Ihre Leidenschaft, die Malerei, war der Grund dafür, dass sie sich entschied, die Kunstakademie zu besuchen. Dort lernte sie Peter Wilmot kennen, einen Mann, den sie nicht widerstehen konnte. Noch während der Zeit an der Akademie wird Misty schwanger, es folgt die Hochzeit und die Geburt von Tabbi. Aus dem jungen Mädchen mit den großen Träumen wird eine Ehefrau, eine Mutter, eine Kellnerin. Der Leser steigt in Mistys tagebuchähnliche Erzählung ein, einige Tage nach dem missglückten Selbstmordversuch ihres Mannes, der nun im Koma vor sich hin vegetiert.
Doch Peter hat seiner Frau etwas hinterlassen: der Zimmermann, der sich außerhalb der Saison um die Häuser der Urlauber, der sogenannten „Sommerleute“, kümmert, hat einige Räume einfach zugemauert, so dass plötzlich die Waschküche oder ein Badezimmer zu fehlen scheinen. In diesen Räumen hat Peter Nachrichten an die Wand gepinselt, in denen er den Sommerleuten den nahenden Tod prophezeit, und sie und seine Frau aufs Gröbste beleidigt.
Misty fristet nun ihr Leben auf der Insel und muss mit den baulichen Aussetzern ihres Mannes zurecht kommen. Auch Peters Mutter macht Misty das Leben schwer, in dem sie immer intensiver darauf drängt, dass Misty wieder mit dem Malen anfängt. Als Misty dann noch erkrankt und ihre Tochter Tabbi auf mysteriöse Weise ertrinkt, versinkt die nervlich angespannte Misty in Leid und Trauer, ein Zustand, der schon viele Künstler dazu brachte, wahre Meisterwerke auf die Leinwand zu bringen; so sagte es ihr zumindest Peter immer wieder, in glücklicheren Tagen auf der Kunstakademie. Sie beginnt wieder zu malen, und was sie malt, hat es wirklich in sich. Nach und nach wird klar, dass Mistys Schicksal etwas mit zwei Malerinnen zu tun hat, die es einst auf der Insel zu Ruhm und Reichtum gebracht hatten. Doch als sie das merkt, ist es beinahe zu spät.
Es ist schon beeindruckend, wie Chuck Palahniuk es immer wieder schafft, seine Leser bis zur letzten Seite seiner Romane im Dunklen tappen zu lassen, um sie dann verblüfft, mit gesenkter Kinnlade, zurückzulassen. Dass er dabei aber auch auf beeindruckend vielschichtige Weise vorgeht, macht aus seinen Büchern ein besonderes Leseerlebnis.
Auch in Das letzte Protokoll führt uns Palahniuk vor, wie man eine spannende Geschichte erzählen und dabei auf vielerlei gesellschaftliche Probleme und menschliche Makel aufmerksam machen kann. Er bedient sich dabei einer kleinen geschlossenen Inselgemeinschaft, die man aber auch ohne weiteres auf größere Gesellschaften projizieren könnte. Hinzu kommt Palahniuks außergewöhnlicher Schreibstil, der direkt und ohne große Ausschweife daher kommt. Er beschreibt wenig, schmückt nicht aus, und doch formen sich Bilder im Kopf. Er charakterisiert nicht seitenlang und trotzdem wirken die Protagonisten lebensnah, menschlich und glaubwürdig. Kurz und knapp sind seine Sätze, fließen wie ein Strom, dem man nicht entrinnen kann.
Ein besonderes Lob auch an den Übersetzer Werner Schmitz, dem es gelungen ist, Palahniuks besonderen Stil in ansprechender Form ins Deutsche zu übertragen. Allein der Klappentext des Manhattan Verlags für Das letzte Protokoll trifft nicht wirklich den Inhalt des Romans, vielmehr liest es sich wie die Beschreibung eines Stephen King-Buchs.
Das letzte Protokoll ist wieder mal ein hervorragender Roman aus der Feder von Chuck Palahniuk, der sowohl durch seine Vielschichtigkeit als auch durch eine fesselnde Story überzeugen kann. Wie schon in Fight Club, wird auch hier der Leser immer tiefer in die Geschichte gezogen, bis er gegen Ende mit dem vollen Ausmaß der Ereignisse konfrontiert wird.
von X-ZINE

Kommentare»
No comments yet — be the first.